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(unedited_)
Krystian Woznicki (Berliner Gazette) - Rainer Ganahl
Kristian Woznicki :. Selbst für Laien scheint die künstlerische
Auseinandersetzung mit Sprache keine ungewöhnliche Sache zu sein.
Dagegen scheint Dein spezifischer Ansatz jedoch selbst Kunstkenner immer
wieder zu überraschen. Kannst Du kurz skizzieren, worauf Deine Auseinandersetzung
mit Sprache zurückgeht?
Rainer Ganahl: Ich verstehe es selber nicht. Ich bin, glaube ich, zufällig
eines morgens als künstler aufgewacht, vielleicht wie eine kafkasche
kakkerlacke: zu faul zum arbeiten, zu faul zum denken, zu faul zu allem.
mit dem keonnen, komplizenhaftes konstrukt im konzept künstler, konnte
ich kaum konkurieren. was blieb mir also übrig, also von der hand
in den mund zu leben? was konnte ich schon tun als vorarlberger? wir essen
weder auf hochdeutsch, noch auf schweizerdeutsch. Vorarlberg hat eine
alte tradition, die jugend als krautschneider ins flachland zu schicken.
so wurde ich zum autostopper und lernte unterwegs das sprechen in verschiedenen
sprachen. das ist es vielleicht, was die laien - wie du so schön
sagst - mit denen auch ich mich identifiziere, verstehen.
irgendwann stank es mir im Euroland - schon eine dekade vor der Euroeinführung
- und ich gelangte ans anderen ufer, kam also nach New York. Autostoppen
war hier nicht mehr angesagt. mpeine dialekte und akzente wurden hier
teil eines polyglotten fleckenwerks von millionen, über das es sich
lohnte nachzudenken. Edward Said, Stuart Hall und andere leute, - etwa
vom Whitney Independent Study programm - halfen mir dabei: ich habe gelernt,
mir und anderen auf die zunge zu schauen, und den rap der leute , zb.
von den franzosen, ernst zu nehmen. ich habe irgendwie versucht, mir eine
welt vorzustellen, in der kunst und politik sich mit der zunge küssen,
damit molotovkoktails und gewalt sich erübrigen (against auto-zündlerei).
dumm gesagt, ich hatte/habe immer europa im kopf, weil ich täglich
erlebe, wie man in NYC menschen unterschiedlicher herkunft mit unterschiedlichen
sprachen und hautfarben, auch freundlich behandeln, sie bewundern, sie
wirklich als nachbarn akzeptieren kann. ja, ich staunte über all
meine vorurteile und eurozentristischen voreingenommenheiten und lernte
sie langsam zu korrigieren. als leute mit afro-amerikanischem oder chinesischem
akzent über Hegel referierten, stand zuerst mein mund weit offen.
aber nochmals zurück zum guten alten kontinent, wo junge leute immer
noch als gastarbeiter, ausländer und immigranten bezeichnet werden,
selbst wenn sie den lokalen sprachduktus besser beherrschen, also die
kinder der seit vielen generationen eingesessenen, die mittlerweile versuchen,
überregionale sprachtrends zu imitieren. man sollte nicht vergessen,
dass die banlieues linien gräben sind, die europa gesellschaftlich
teilen und wie unterschiedliche tektonische schichten trennen. die fragen,
"was ist französisch", "was ist englisch, oder deutsch"
werden an den unterpriviligierten vorstadträndern prismatisch zerstreut
und abgelenkt. die umkehrung der sprache, (par example: verlan,) und die
aggressive radikale selbstbeobachtung im französischen rap werden
gerade in diesen tagen mit autobränden und sinnlosen sachzerstörungen
so illustriert, dass es weit über die vorstädte hinweg leuchtet.
Im "Vive la France," erklingt mehr und mehr das Frankreich von
Frantz Fanon und von Karl Marx der frühern Schriften um die pariser
ereignisse von 1848.
ich möchte hier aber niemanden mit geschichte langweilen... und resumiere:
sprache, das ist für mich selbstentäußerung und fremdgehen,
promiskuität und liebe, zerstörung und hoffnung, ungerechtigkeit
und legastenie im spiegel, kurz gesagt: mund geruch. es stinkt
und
wie wir sehen
wenn nicht mehr geredet wird, wenn man die leute
nicht reden lässt, ihnen nicht zuhört, dann brennt es, kann
es pyromanisch eskalieren.
Kristian Woznicki 2. Wie gehst Du bei der Auswahl Deiner Sprachprojekte
vor? Welche Sprachen sind für Dich aus welchen Gründen von Interesse?
Rainer Ganahl: am anfang war das englishe wort, selbst für mich als
ungläubiger analphabetiker. ich konnte es leider nicht aussprechen
und musste endlose nachmittage mit etwas älteren nachhilfelehrerinnen
zubringen. nun, die kunst, theorie und politik in reflexiven amalgamen
zu konkretisieren, ermöglichte es mir, mein damaliges gehör
zu schärfen. Japan war anfang der 1990er das China von heute. Die
welt fühlte sich im einkaufskorb, und bezahlt wurde mit yen. die
Edward Saidsche orientalismuskritik, die insbesondere die schnittstellen
von imperialistischer politik und kultur nachzeichnete (die linie auf
der ich gerne als fahrradfahrer unterwegs bin) inspirierte mich, Japanisch
zu lernen, meine erste orientalische sprache. "orientalismus"
ist heute zu einer kritischen kategorie geworden und hat repräsentationspolitik
- mein hauptinteresse - zum inhalt. wer sagt was über wen wie? das
lernen von japanisch als künstlerisch-kritische praxis war jedoch
kein reden über und repräsentieren des kulturell Anderen (kapitales
A mit liäson zum lacan'schen petit a), sondern ein schmerzhaftes
transzendentales langjähriges unterfangen, das direkt an den (schlecht
Kantisch gestottert) bedingungen der möglichkeiten von dialog und
verbalem austausch ansetzt. ich habe versucht, - so wie heute mit meinen
Chinesischstudien - die kulturelle handelsbilanz etwas auszugleichen,
und den vielen autos und elektronischen gadgets etwas anderes als dollars,
jammer und kulturelle/oekonomische angst (das wort angst findet auch im
englischen gebrauch) entgegenzuhalten.
mein zurück in eine künstlerisch/sprachliche infantilität
brachte mich dann auch recht bald nach Japan, wo ich wiederum eine neue
sprachpolitische realität kennnengelernt habe. mit dem erlernen einer
(fremd)sprache trifft man auch auf ein menü von nationalen vorurteilen.
Diese einsicht erzeugte in mir genügend energie, um 3 jahre lang
koreanisch zu lernen und damit auch auf interessante korrektive - also
koreanische vorurteile gegenüber Japan - zu stoßen. In der
zwischenzeit interessierte mich auch der deutsche orient: griechisch,
neugriechisch, auf das ich mich ebenfalls für mehrer monate einließ:
"3 months, 3 days a week, 3 hours a day - basic modern greek"
(in New York, 1994/95) und dann "6 days, 6 hours a day - basic modern
greek) Athen. Diese meine dilletantischen, autodidaktischen bemühungen
quantifizierenden projekte produzieren eine unmenge von videos, die das
dreckige geschäft der repräsentation ad absurdum führen,
und dabei das lange-weilige meiner kunst als praxis zur skulptur
erklären. ich fühle mich jedoch als künstler nicht mehr
nur dem ready-made verpflichtet, sondern auch einem trying-hard,
einem langsam-geschäft. Dekontextualisiert wird wengier
ein objekt, sondern mehr eine praxis, nämlich jenes tun und lassen,
das man üblicherweise auf unis anfindet. ich selbst mutiere zur sich
entäußerten laborratte und treffe dann auf neue, anderssprechende
freunde).
Die genaue liste der sprachen, denen ich mein herz und meine zeit gewidment
habe, - und ich lerne ja immer noch - finden sich am besten in meinen
kurzen video clips wieder: z. b.: Homeland Security, Arabic: Ana
laestu irhabien," Chinese: wo bu shi konbu fenzhi, Korean:
nan nun, terrorist animnida, Modern Greek: Then ima
dromokratis, Japanese "terroristo dewa arimasen" Russian
"Ja ne terrorist" Spanish "No soy un terrorista",
Italian "non sono un terrorista", French "Je ne suis pas
un terrorist", Deutsch "Ich bin kein Terrorist", English
"I'm not a terrorist" . Man vergebe mir die falschen transliterationen
- im Buch, Bill Kaizen "Please, teach me, Rainer Ganahl and the politics
of learning" werde die angemessenen nicht-lateinischen Schriftypen
verwendet.
Kristian Woznicki 3. In Projekten wie >5 Das aWeek, 6 Hours a Day
- Basic Korean< setzt Du Dich dann tatschlich dem Prozess des
Fremdspracherwerbs aus. Welche Bedeutung hat das Sprachenlernen für
Dich im Zusammenhang mit der Produktion von Kunst?
Rainer Ganahl:: Das lernen ist das rückgrad meiner gehversuche und
die rechtfertigung einer visuellen produktion, die nicht-retinale präferenzen
privilegiert. ich könnte auch sagen, das lernen ist mein anti-alzheimerprogramm
und/oder meine anti-depressivmedizin; es ist die billigste art, teuren
psychotherapierechnungen zu entkommen. Es ist wahrscheinlich auch ein
easy-jet ticket ins nirgendswo der nachmittage, die unaufgelesen sich
am rande einer kunstproduktion akkumulieren; eine süßspeise
für diabetiker unter einfluss; ein ersatz für monastische spreizübungen
vor dem schalfengehen; ein schutz vor Wahnsinn und nicht zuletzt das abklopfen
eines oxidierenden fabrikkessels, der sinn auf unsinn reimt. Anders gesagt:
ich verkaufe nicht viel, aber ich lerne wenigsten etwas. (es macht auch
sinn ohne kunst als kontext)
Kristian Woznicki 4. Von Projekten wie Erziehungskomplex (Generali Foundation)
bis hin zu der gegenwrtigen Ausstellung in der Wallach Art Gallery
werden immer wieder auch die politischen Rahmenbedingungen von Bildung
thematisiert. Wie hat sich Dein Interesse dieszgl. in den letzten Jahren
gewandelt?
Rainer Ganahl:: Nun, jede gesellschaft muss sich reproduzieren und ihr
wissen, ihr reichtum, ihre macht, ihrer arroganz und dummheit weitergeben.
Selbst götter, abgerlauben und rassistische vorurteile werden den
nachfolgenden generationen wie sprachen, schulden, rollkragenpullover
und verantwortung über den kopf gestreift. seit dem 19. jahrundert,
der formation von nationalstaaten wurde diese weitergabe und verewigung
verstaatlicht, und under die begriffe bildung und erziehung gebracht.
der knüppel der autorität fand in den schulen und institutionen
der macht ein perfektes zusätzliches medium. heute ist es ein kapitales
globales unterfangen und die europäsche wirtschaft zittert, wenn
sie bildungsdaten studiert und international vergleicht. es ist, als befände
man sich in den weichteilen der macht während der koppelung. sehr
obzön, sehr lubrifiziert, sehr feucht - und sehr trocken und langweilig.
in den USA ist bildung als viagraisches vorspiel hyperkapitalisiert und
auch dementsprechend politisiert. das zu beobachten ist für mich
interessant: Was wo wie unter welchen umständen gelehrt und gelernt
wird ist die zentrale frage jeder gesellschaft. Bildungspolitik bestimmt
auch den verlauf der banlieues und der umgang damit.
Kristian Woznicki 5. Womit setzt sich die laufende Schau en detail auseinander?
Rainer Ganahl:: Die ausstellung Please, teach me
in
der Wallach Art Gallery der Columbia University (www.ganahl.info/wallach.html)
ist eine übersichtsausstellung zu all meinen arbeiten, die das lernen,
das lesen, das sprechen und das zuhören als künstlerische praxis
zum mittelpunkt haben. Hier nur ein paar arbeitstitel: My First
500 hours Basic Chinese; 'My Second 500 Hours Basic Chinese;
My First 500 Hours Basic Arabic; Basic Russian; Basic
Japanese; Basic Vorarlbergian; Basic Belgian;
Karl Marx Lesen; Antonio Gramsci Lesen; Frantz
Fanon Lesen. Es finden sich dort auch arbeiten die mit geschichte
zu tun habe: Meine Sprache der Emigration arbeiten, die aus
fotos und langen interviews mit ehemaligen Nazi-opfern und lagerinsassen
bestehen; eine foto/video arbeit mit einem russischen emigranten, der
immer noch von Stalin träumt, obwohl er selber unter den konsequenzen
Stalins gelitten hat (Rudi Gurtin, My Travel Agent, a Stalinist
in New York in the Year 2000); aber auch dialogarbeiten mit Afghanen
und Irakern in bezug auf die immer noch andauernden kriege mit Amerika.
in diesen arbeiten geht es um stellungsnahmen von direktbetroffen zu den
kriegserreignissen.
Kristian Woznicki 6. Abschliessend noch folgende Frage - zur Rolle des
bersetzers. Was asszierst Du mit dem "Tod des bersetzers"?
Die Redundanz der bersetzung - Wenn alles standardisiert ist (sprachlich/kulturell)
oder wenn alle omni-kompetente Kultur- und Sprach-Connoisseurs werden?
Rainer Ganahl:: Wir sind und bleiben alle übersetzer. Wenn Beuys
sagen durfte, jeder ist ein künstler, dann flüstere ich: jeder
ist ein übersetzer - wie gut im einzelnen die übersetzungen
ausfallen, ist wiederum ein anderes problem. Ob übersetzt wird oder
nicht, ist entscheidend für sinnvolles verstehen und handeln. An
den französischen (und das ist sicherlich nicht nur ein französisches
problem) banlieues zumindest wurde - wenn überhaupt - schlecht übersetzt,
bzw. die übersetzungen waren/sind redundant, unbrauchbar.
New York, am 13. abend der französichen stadt und banlieuesunruhen
2005. mit Ausgangassperren, die auf ausnahmegesetzen beruhen, die 1955
für Algerien zugeschnitten wurden.
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